Schuld? Fehlanzeige. Amerika, Trump und die Bombe

Mir ist mulmig. Im März 2016 sagte Donald Trump im MSNBC-Interview:

Warum stellen wir sie her, wenn wir nicht in Betracht ziehen, sie zu nutzten?

Und ebenfalls im März 2016 im Sender FOX:

Der Letzte, der Atomwaffen nutzen würde ist Donald Trump. So empfinde ich das. Das ist eine furchtbare Sache. Der Gedanke daran ist furchtbar. Aber ich möchte nichts ausschließen. Wir müssen verhandeln. Es mag Zeiten geben, in denen wir in tiefen, schwierigen, schrecklichen Verhandlungen stecken.

 

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Donald Trump peitscht ein

Trump, der Herr über die Atomwaffen. Präsident Obama und Hillary Clinton warfen im Wahlkampf 2016 zusammen mit Generälen und Geheimdienstexperten das Argument in die Waagschale, ein politisch so unterfahrener Mann wir Donald Trump, ein Heißsporn, der hastig auf persönliche Angriffe reagiert, könnte nicht mit einer solchen Verantwortung umgehen.  Trump gewann im November 2016 die Wahl. Und spielte, umringt von ehemaligen Generälen, die den Präsidenten beraten, immer wieder Mal die Atomkarte. Inszeniert, medienwirksam, an seine Wähler gewandt. Das Narrativ: Iran und besonders Nordkorea dürfen der einzigen Weltmacht nicht auf der Nase herumtanzen. Das Niveau der Auseinandersetzung zwischen Diktator und Präsident ließ mich immer wieder daran zweifeln, dass die Generäle den Präsidenten dauerhaft davon abhalten können, das US-Militär früher oder später in Marsch zu setzen.

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Mir ist mulmig. Weil die USA diesen Präsidenten haben, aber auch, weil sich viele US-Bürger nie ernsthaft mit dem Schrecken ihrer atomaren Geschichte auseinandergesetzt haben, weil sich Amerika seit mehr als 70 Jahren schwer tut, Atomwaffen als etwas anderes zu sehen als ein besonders effektives Kriegsgerät, nämlich als Vehikel der Massenvernichtung, das keinen Platz in den Waffenarsenalen der Welt verdient.

Wenn die Wissenschaftler des „Bulletin of the Atomic Scientists“ die Uhr der Bedrohung auf 3 Minuten vor Mitternacht vorgestellt haben, weil die Verbreitung von strahlendem Material unaufhaltbar erscheint, weil sich Diktatoren mit Atomwaffen ausrüsten, weil der kalte Krieg 2.0 mehr als Tatsache denn als Alptraum erscheint, dann interessiert das die meisten Amerikaner wenig. Sie interessieren sich auch wenig für die Bomben von Hiroshima und Nagasaki.

 

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Straßenkreuzung in Los Alamos

Leute auf der Straße in Los Alamos, New Mexiko, wo die Bomben vom August 1945 entwickelt und gebaut wurden, antworten mir:

Über die Atombombe reden wir hier eigentlich nicht.

Als wäre das einfach nur ein unappetitliches Thema. Hier wurden die tödlichen Waffen zwischen 1943 und 1945 entwickelt und nach einem einzigen Test nicht nur einmal auf Hiroshima, sondern 3 Tage später auch noch auf Nagasaki abgeworfen. Hier wird bis heute hinter hohen Zäunen Atomforschung betrieben. Auf einem erschreckend riesigen, unzugänglichen Areal. Abgeschieden. Geheim. Bis heute.

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Einfahrt zum Atomlabor Los Alamos

Auch und besonders für friedliche Einsätze wird geforscht und entwickelt, betonen die nach wie vor vielen hochqualifizierten Mitarbeiter, wenn ich einmal mit ihnen ins Gespräch komme.

Ja, schrecklich,

sagen mir Passanten in der sauberen Stadt auf der Hochebene, wenn Sie die Bilder der verstrahlten Kinder, der Menschenschatten, der beiden zerstörten Städte sehen. Und gehen weiter, um die gelernte Interpretation der Ereignisse nicht in Frage stellen zu müssen. So verfahren auch viele Gelehrte und Politiker. Bis heute.

Diese Geschichtsschreibung entstand gleich im August 1945, verfestigt in den Monaten und Jahren danach, nachzulesen in Schulbüchern und Essays:

Die Atombomben beendeten danach den 2. Weltkrieg. Japan wollte nicht kapitulieren. Der Einsatz der neuen Waffen ersparte der US-Armee die Invasion Japans und rettete hunderttausenden amerikanischen und japanischen Soldaten das Leben.

Aber viele Geschichtswissenschaftler sind heute advon überzeugt, das Japan durch den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Mandschurei den letzten Hoffnungsschimmer verloren hatte, mit Hilfe Moskaus einen Frieden inklusive mit eigenen Bedingungen zu verhandeln. Das Land war von konventionellen US-Attacken verwüstet. Ein Ende des Krieges ohne Einsatz der Atombomben stand unmittelbar bevor. Die Zahlen über Verluste im Fall einer amerikanischen Invasion waren spektakulär. Und Spekulation.

Der Washingtoner Atomforscher Peter Kuznick bringt den Abwurf der Atombomben auf diesen Nenner:

Es war ein Kriegsverbrechen.

 

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Peter Kuznick

Aber Kuznick und seine Studenten, die oft belächelte amerikanische Linke und die Kriegsgegner stellen eine Minderheit im Land dar. Immer wieder im August reisen sie nach Hiroshima, um an den 6.August 1945 zu erinnern. Immer wieder fordern sie Barack Obama und jetzt Donald Trump dazu auf, sich in Japan zu entschuldigen.

71 Jahre nach den Atombomben reiste Barack Obama nach Japan. Die Welt sei in Hiroshima für immer verändert worden, „der Tod fiel vom Himmel“, sagte der ehamalige Präsident: „Hiroshima und Nagasaki stehen nicht für den Anfang eines Atomkriegs, sondern für den Beginn unseres eigenen moralischen Erwachens.“

Eine Entschuldigung klingt anders. Donald Trump sprach bei seinem Japanbesuch im Herbst 2017 über den „Raketenmann“ Kim in Nordkorea und spielte  mit dem japanischen  Premierminister Shinzo Abe Golf.

Und Trump ist im Besitz jener Codes, die über Wohl und Wehe der Menschheit entscheiden.

Ex-US-Vizepräsident Dick Cheney machte 2008 darauf aufmerksam, dass der Präsident der Vereinigten Staaten 24 Stunden am Tag von einem Soldaten begleitet wird, der die Nuklearcodes in einer Tasche mit sich trägt. Mit ihnen kann der Staatschef im Fall eines Angriffs auf die USA den Einsatzbefehl für Atomwaffen geben. Er muss sich mit niemandem beraten, nicht mit dem Kongress, nicht mit den Gerichten.

In einem Wort. Er hat freie Hand. Würde das US-Militär einem Einsatzbefehl folgen?

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Warten auf den neuen Präsidenten

 

Von den meisten Amerikanern wird die Vergangenheit nicht auf eine Art bearbeitet, die der ältesten Demokratie der Erde gut zu Gesicht stünde.

Wer weg will von der Atombombe, muss ihre Gräuel begreifen, muss verstehen, dass es sich eben nicht einfach um eine Waffe mit höherer Vernichtungskraft handelt.

Für einen solchen Schritt müssten die Anführer vorangehen. Haben sie aber nie getan.

Harry Truman schwärmte von der einen Bombe, die in der Lage war, eine Stadt zu zerstören. Keine Rede von Kindern und Frauen und Greisen, die eine Sekunde nach den Detonationen ausgelöscht wurden. Und Trumans Nachfolger blieben der Atomdoktrin durch den kalten Krieg hindurch treu. Das internationale Wettrüsten schuf Arsenale mit Welt-Zerstörungskraft.

Präsident Eisenhower warnte, als er das Weiße Haus verließ,  vor dem militärisch-industriellen Komplex, der nicht die Bürger, sondern das Milliardengeschäft der Rüstung im Sinn hat. Kennedy rückte in der Kubakrise nah an eine atomare Konfrontation mit der Sowjetunion. Reagan provozierte den Ostblock mit der Stationierung von Marschflugkörpern in Europa.

In Obamas Prag-Rede von 2009, die maßgeblich für den frühen Nobelpreis verantwortlich war, kündigte er an, für eine atomwaffenfreie Welt einzutreten. Und ja: Amerika trage als einzige Nation, die Nuklearwaffen im Krieg eingesetzt hat, eine besondere Verantwortung. Obama brachte keine Entschuldigung über die Lippen, als er unter den Augen der Welt Hiroshima besuchte.

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Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt blieb eine Wunschvorstellung

Kein Eingeständnis eines furchtbaren Fehlers, der über 200000 Menschenleben kostete, der eine Zerstörungskraft entfaltete, die bis dahin unbekannt war.

Eine Billion Dollar wollte Obama in 20 Jahren ausgeben, um die teils maroden Atombunker und die US-Sprengköpfe zu modernisieren. Donald Trump hält an diesen Plänen fest.

Mir ist mulmig, weil Atomwaffen aus den Köpfen der Menschen verschwunden sind. Weil so lange nichts passiert ist. Weil eine ernste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im einzigen Land, das jemals Atomwaffen auf Städte warf nicht in ausreichendem Maß stattfand.

 So what?

sagen mir viele Amerikaner in Los Alamos, in Chicago oder Washington.

Das ist 70 Jahre her, wir haben den Krieg und den kalten Krieg gewonnen, die Rechnung ist aufgegangen.

 Wozu also der Aufwand? Was würde es 70 Jahre danach bringen, mit den lang erzählten fragwürdigen Argumenten zu brechen?

Amerika könnte seinen eigenen Idealen von Freiheit, Schutz des Individuums und Menschenwürde ein Stück näher rücken, ein moralisches Mandat erwerben, mehr Achtung von Verbündeten und Feinden erlangen, wenn es darum geht,  die Verbreitung von Nuklearwaffen zu verhindern.

Lernten junge Amerikaner, unter welchen Bedingungen und zu welchem Preis die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurden, fiele es ihnen leichter, sich an der politischen Meinungsbildung bei drohenden und bestehenden Konflikten zu beteiligen. Sie würden die Geschäfte Rüstungsindustrie hinterfragen.

Wenn sich die eine große Macht an den selbst verbreiteten Schrecken erinnert und sich dazu bekennt, wird sie viele Hebel in Bewegung setzen, um eine Wiederholung auszuschließen.

Amerika müsste sich nicht um 180 Grad wenden, müsste kein pazifistischer Riese werden, aber eine Weltmacht, die sich darüber im Klaren ist, dass sie unerträgliches Unheil stiften kann.

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Denkmal für Oppenheimer und Groves in Los Alamos

Aber so  läuft es nicht in den Vereinigten Staaten. Das Land der Freien, die Heimat der Tapferen macht keine furchtbaren Fehler. Das passt nicht ins Konzept. Auch ein Menschenleben nach Hiroshima und Nagasaki nicht.

Was mit Obama nicht gelang, wird unter Trump ersatzlos gestrichen.

Zusammen mit den Atomcodes kann er sich das „Entscheidungsbuch des Präsidenten“ ansehen. Wenn er es sich ansieht. Darin: Mögliche Ziele für Atomwaffen, mögliche Opferzahlen. Millionen, 100 Millionen.

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Modell der Hiroshima-Bombe im Muesum von Los Alamos

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