In Washington ist es gut, einen kleinen Brennholzvorrat zu haben. Die vergangenen Winter waren ziemlich, kalt, die Wahrscheinlichkeit eines Stomausfalls, der auch die Heizung außer Gefecht setzt, geht gegen 100%. Seit dem Spätsommer fährt immer mal wieder ein Truck vor, jemand steigt aus, klingelt, bietet Brennholz in einem Kauderwelsch an, dem auch der Amerikanischkundige unter keinen Umständen folgen kann.

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Die Ware ist in der Regel morsch, feucht, unbrennbar. Aber draußen in Maryland gibt es glücklicherweise Farmen, die echtes Hartholz zu fairen Preisen anbieten. Die Deutschen haben ihr Klafter, die Amerikaner den Cord, ein uraltes Maß eben, theoretisch ist ein solcher Holzhaufen 4 Fuß hoch, vier Fuß breit und acht Fuß lang. Ganz theoretisch. Als Tom vorfährt, entpuppt sich mein halber Cord als eine Truckladung Holz. Ordentliche Ware, die meine Familie sicher durch den Winter bringen wird. Der Diesel tuckert und stinkt. Tom, ein dürrer, kleiner Kerl mit Seelöwen-Schnauzer würde im Traum nicht auf die Idee kommen, den Motor abzustellen. Auch wenn er offenbar fest entschlossen ist, mir in den nächsten 20 Minuten sein Leben zu erzählen, seine Gesinnung preiszugeben, seinen Glauben mitzuteilen. Den Job macht Tom nur in der Saison. Und für Holz herrscht gerade Hochsaison.Zum Aufwärmen fangen wir mit Sportergebnissen an. Weiter geht’s mit seinen Erfahrungen im Irakkrieg. Wie sein Kumpel angeschossen wurde, wie toll er die Deutschen findet, denen er allerdings ankreidet, kein militärisches Abschreckungspotential zu besitzen. Ob wir denn nicht unsere Souveränität verteidigen wollen. Ich schaue mir den Holzhaufen an. Doch, das ist gutes Holz, viel Buche, wenig Nadelholz, gut abgelagert. Abschreckung ist wichtig. Auch wenn es den Anschein hat, dass wir uns von Putin, Assad und den Chinesen zum Narren halten lassen. Wir Amerikaner würden nie unsere Souveränität, unsere Freiheit aufgeben.

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Ich denke gleichzeitig daran, wie lange es dauern wird, das Brennholz stapeln, wie weit die Einwohner Washingtons den kalten Krieg hinter sich gelassen haben, wie sehr weite Bevölkerungsteile im Rest von Amerika weiter mitten in ihm leben, wie ich einen eleganten Weg finde, das Gespräch zu beenden, ohne unhöflich zu sein. Tom gestikuliert, erzählt von Chinesen und Saudis, von amerikanischer Überlegenheit und weltweiter Verschwörung, natürlich gegen Amerika, gegen die Freiheit. Der Diesel brummt. Ich bin ausgestiegen, kann nicht mehr folgen, als er zum finalen Schlag ausholt: Das Jüngste Gericht. Die Abrechnung steht unmittelbar bevor. Das haben Paulus und vor allem Johannes glasklar herausgearbeitet. Warum bloß setzt sich niemand damit auseinander, natürlich neben der wichtigen nuklearen Abschreckung und der genauen Beobachtung jedes einzelnen Schrittes von Putin, am besten auch aller anderen Schurken der Welt.Mir ist schwindelig. Aber: Mein Holz ist Ungeziefer-frei, gut abgelagert und trocken. Es ist gut, in Washington einen kleinen Holzvorrat zu haben. Für alle Fälle.

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