Ein Monat ist es her, seit Amerika, seit wir Berichterstatter so gestaunt haben wie lange nicht. Donald Trump wird 45. US-Präsident. Der raue reality-TV-Mann, Markenspruch „You´re fired“,  der erst die Profipolitiker der republikanischen Partei wegbiss, der dann die Frontalattacke gegen Hillary Clinton ritt, setzte sich tatsächlich durch. Der un-Politiker, der Planlose, der Peinliche. Der Mann, der den Nerv der Zeit traf, die Menschen erreichte, die nicht von der Globalisierung profitieren, der auch Minderheiten ansprach, die nicht mehr an die Reformierbarkeit von Politik glauben. Wir staunen immer noch. Und jetzt?

Eine klare Linie? Fehlanzeige! Donald Trump, der in atemberaubendem Tempo die Washingtoner Politik umkrempelt, bleibt unkalkulierbar. Ist das gewollt, inszeniert oder aus Unkenntnis der Materie, das liegt im Auge des Betrachters.

Einen Monat nach der Wahl ist Donald Trump für das Time-Magazin „Person of the year“, Person des Jahres. Wer die Bücher seiner Biografen liest, darf annehmen, dass Trump eitel genug ist, diesen Titel zu mögen. Der Untertitel dürfte ihm weniger gefallen: Er wird als Präsident der „geteilten Staaten von Amerika“ bezeichnet.

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Bus mit Senderwerbung in Washington

Politische Witzfigur, scharfzüngiges Sprachrohr der Rechten, gewählter Präsident. War er vor dem 8. November bei einem Drittel der Amerikaner beliebt, ist er jetzt bei fast der Hälfte der US-Bürger populär. Sie wollen dem ungewöhnlichen „Neupolitiker“ eine Chance geben und hören auf Signale, die versöhnlicher klangen als Trumps Hassreden im Wahlkampf.

Er spricht mit Obama, den er noch vor Monaten bezichtigte, gar kein US-Bürger zu sein, den er jetzt plötzlich in höchsten Tönen lobt. Er holt den Establishment-Republikaner Reince Priebus als Stabschef, trifft sich mit Erzfeind Mitt Romney, der Außenminister werden könnte, will Boeing den Auftrag für das überteuerte Projekt „Air Force One“ entziehen und inszeniert die Rettung von Fabrikjobs in Indiana als wirtschaftspolitischen Erfolg noch vor Amtsantritt. Die US-Börsenindizes gehen nach oben, viele Bürger glauben: Trump ist gar nicht so schlecht.

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Trump-Weihnachtsornament

Aber er bleibt unkalkulierbar. Dafür mögen ihn seine Wähler.  Leute, von denen die Meisten keine Wunder erwarten, die aber alle wollen, dass der aus ihrer Sicht korrupte Washingtonter Sumpf trockengelegt wird. Ich denke, Trump, der mehr als 4000 Posten besetzen muss, merkt jetzt jeden Tag, wie schwer das ist. „Politiker werden Euch nie ins gelobte Land bringen“, feuerte er seine Fans im Wahlkamp an. Jetzt ist er….ein Politiker. Einer, der noch nicht plausibel gemacht hat, wie er seine wenig durchsichtigen Geschäfte von der Politik trennen wird.

Trump holt drei ehemalige Generäle in sein Kabinett, als Sicherheitsberater, Verteidigungs und  Heimatschutzminister, benennt einen Klimawandelleugner und Kohlefreund für die Spitzenposition der Umweltbehörde EPA und Steve Bannon als Chefberater. Ein Mann, der die rechtskonservativen Breitbart News groß gemacht hat. In den Augen von Kritikern ein politischer Brandstifter, Gallionsfigur der „Alt-Right“-Bewegung, die mit Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und Rassismus in Verbindung gebracht wird . Trump sorgt für diplomatische Verstimmung, wenn er mit Taiwan in Kontakt tritt, bevor er mit China kommuniziert. vEr strotzt mit seiner über Twitter verbreiteten Empfindlichkeit. Wenn er sich über Comedysendungen aufregt oder einen Gewerkschafter kritisiert, der auf Trumps Übertreibungen bei der Rettung von Fabrikjobs aufmerksam macht. Muss ein kommender US-Präsident nicht über diesen Dingen stehen? Schaffen es seine Leute wirklich nicht, ihn von den sozialen Medien fernzuhalten?

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Der Hass-Wahlkampf

Die Konservativen könnten enttäuscht sein. Weil es mit der Streichung der verhassten Krankenversicherung Obamacare langsamer vorangehen wird als versprochen,  weil die Mauer auf der Grenze nach Mexiko in Abschnitten auch ein Zaun werden könnte, weil es mit der Abschiebung illegaler Einwanderer auch nicht so flott gehen wird, weil der IS nicht wie zugesagt in wenigen Wochen zerstört werden wird.

Und die Trump-Gegner? Gehen durch alle Phasen der Verlustbewältigung.

Sie leugnen, hoffen auf Neuauszählungen und Wahlmänner, die sich doch noch anders entscheiden. Sie haben Schuldgefühle: „War Hillary Clinton die richtige Kandidatin zur richtigen Zeit?“ Haben sie zugehört, wenn Globalisierung-Verlierer ihre Sorgen beschrieben. Die Medien üben Selbstkritik. Haben wir Trump zu viel gratis-Werbezeit geschenkt?

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Demokraten täuschten sich

Sie sind wütend, rufen auf den Straßen Amerikas „Not my president“. Sie feilschen: Al Gore spricht im Trump Tower mit dem künftigen Mann im Weißen Haus, um ihn von den Gefahren des Klimawandels zu überzeugen. Obama macht gute Miene zur anstehenden Vernichtung seines politischen Erbes und zeigt sich überrascht von einem interessierten Nachfolger.

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Obama, der Verlierer

Sie haben Angst: Vor dem Mann, der in Zukunft als Oberbefehlshaber der Streitkräfte Herr über die Atomwaffen sein wird. Sie nehmen ihr Schicksal an, haben Achtung vor dem Amt. Er ist nun einmal unser künftiger Präsident. Wir werden die nächsten vier Jahre schon überleben.

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In der Washingtoner Gallery of Art

Nach einem Wahlkampf voller Hass, voller bodenloser Unwahrheiten, die über soziale Medien verbreitet wurden,  wachsen die wütenden Übergriffe. Gegen Minderheiten, gegen Andersgläubige, auch gegen Trump-Unterstützer. Die „hate crimes“ werden nicht so schnell verschwinden. Auch nicht, nachdem Donald Trump am 20. Januar vereidigt wird.

 

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