Im Autoradio fordert ein Baptistenpfarrer seine Zuhörer zu einem gottgefälligen Leben auf. „Praise the lord“, schreit der Mann, immer wieder. Kann sein, dass der Mann frei spricht. Die UKW-Alternative zum Kirchenmann heißt Country. Der Empfang zwischen den Bergen ist lausig, mit dem Handy geht nichts.

3,4 Stunden südwestlich der Atlantikküste, der engbesiedelten, hektischen Hauptstadtregion liegt ein anderes Land. Appalachia, alte Berge, die wie ein Riegel zwischen Ostküste und Mittlerem Westen liegen.

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Blue Ridge Mountains, Shenandoah River

Die Landschaft ähnelt einem deutschen Mittelgebirge. Enge Täler, der Shenandoah, die Blue Ridge Mountains, Kohlereviere, entlegene Dörfer und in einer anderen Zeit stillgestandene Kleinstädte.

Die Appalachen in Kentucky, Virginia, West Virginia und Tennessee gelten als ein Armenhaus Amerikas. Der Kohleboom ist vorbei, die Landwirtschaft gibt nicht viel her. Hier hat Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl 2016 hervorragend abgeschnitten.

Es ist das Land der Hillbillies, der konservativen Habenichtse, der arbeitslosen ex-Kohlekumpel, der Armut, der grassierenden Tablettensucht. Es ist das Land der Mountain, Country und – Bluegrass-Musik.

In Bedford im Westen Virginias weht in den Vorgärten die Flagge der Konföderation. Über 150 Jahre nachdem der Bürgerkrieg verlorenging. Eine immer noch offene Wunde. Neben dem Rathaus ein gepflegtes, blumengeschmücktes  Betondenkmal für die Südstaatensoldaten, die im großen Krieg ihr Leben ließen, gleich daneben eine Erinnerung an die verehrten „Bedford Boys“, die im 2. Weltkrieg bei der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 starben.

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Bürgerkriegsdenkmal in Bedford

Douglas Cooper leitet das lokale Museum. Ein dicker, schwer atmender Mann, der den stattlichen Backsteinbau mit Erinnerungen an alte Zeiten vollgestopft hat, die er ohne Zögern der Gegenwart vorziehen würde.

Jeden Freitag um 19 Uhr lädt Cooper zum „Bluegrass Friday“.

Meine Frau hasst es. Sie mag einfach die Lead-Sänger mit den hohen Stimmen nicht

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Bluegrass Friday in Bassett

Das geht den 60 Senioren anders, die in die 2. Etage des Museums gekommen sind. Ältere Herren mit Bart und langen Haaren, die im grauen Rock des Südens sofort in einem Bürgerkriegsfilm mitspielen könnten.

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Fiedler in Bedford

Betagte Damen im Sonntagsstaat. Sie haben Banjos, Gitarren, Mandolinen, Kontrabässe und Fiedeln mitgebracht.

Den Anfang macht die Gruppe „Common Ground“.

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Common Ground, Ricky Ellis und Töchter Amy und Laura

Ricky Ellis, Mitte 50, Stoppelbart, spielt schon sein ganzes Leben. Ich zähle 4 sichtbare Zähne. Zahnärzte verlangen in Amerika unverschämte Summen, Krankenversicherungen auch. Bluegrass-Musiker aber verdienen nicht viel.

Ricky spielt Mandoline und Gitarre, Tochter Amy den Kontrabass, Laura die Fiedel. Die Musik der Berge ist akustisch, kommt ohne E-Gitarren, Keyboards und Schlagzeug aus.

 

„Common Ground“ beginnt mit Can´t you hear me calling”, einem Klassiker aus den Bergen Kentuckys, aufgenommen von Bill Monroe, der als Vater des Bluegrass verehrt wird. Die Tage sind lang, die Nächte einsam, seit Du mich verlassen hast, ich sorge mich so sehr, seit Du gegangen bist.

The days are long, the nights are lonely
Since you left me all alone
I loved you so, my little darlin‘
I’ve worried so since you’ve been gone
Sweetheart of mine, can’t you hear me callin‘?
A million times, I’ve loved you best
I mistreated you, darlin‘, I’m sorry
Come back to me is my request

Eine traurige Geschichte aus den Bergen, in eine simple musikalische Struktur gepackt, virtuos vorgetragen. Nein, das ist nicht meine Musik. Aber sie zu erleben ist großartig. Was blieb den Nachfahren der schottischen und irischen Siedler denn außer der Musik, fragt Museumsdirektor Douglas Cooper. Die Gegend hielt vor allem Verzicht bereit: Auf Wohlstand, Aufstieg, Anbindung an die Außenwelt.

Dieser Teil des Südens ist sehr ländlich. Die einzige Abendunterhaltung der Leute bestand darin, abends auf ihren Terrassen zu musizieren. Die Instrumente waren billig. Sie kamen zusammen und spielten die einzige Musik, die sie jemals gehört hatten. Wir nennen das Hillbilly-Musik, oder Bluegrass oder frühe Country-Musik: Das war ihre Unterhaltung, der Musik galt ihre Liebe. Und das ist zum Teil immer noch so.

Ricky Ellis ist Profi. Durch und durch. Und Mandolinen-Weltmeister:

5 Mal sogar. Beim 1. Mal hatten sie eine Meisterschaft in North Carolina. Das war 1974. Jeder konnte mitmachen. Ich bin meinen Brüdern da runter gefahren und war der Einzige, der etwas erreicht und gewonnen hat. Wir sind weiterhin auf Wettbewerbe gefahren. Nach und nach haben wir alle etwas gewonnen. So ungefähr 1979 wurden wir auch mit der Band Weltmeister, mit meinen Brüdern, meiner Familie.

Großartig, gratuliere ich, dafür muss man ganz schön flott sein. Können wir mal etwas hören?

Und dann spielt er. Weltmeisterlich, virtuos!

Töchter Amy und Laura fallen ziemlich auf. Nicht nur, weil sie in ihren Zwanzigern sind und mit Abstand die jüngsten Teilnehmer der Session in Bedford sind, sondern auch, weil auch sie schon erste Zahnlücken haben. Mountain Music, Bluegrass, ist das etwas für junge Frauen?

Wir beide sind damit aufgewachsen. Wir haben gelernt, indem wir ihm zugehört haben. Die Musik ist ansteckend.

Und hat es die begabte Geigerin Laura schon einmal mit klassischer Violine versucht?

Nein, ich kann nicht einmal Noten lesen. Das kann niemand in unserer Familie. Ich habe ein bisschen mit Tabulaturen gearbeitet. Als ich mit der Fiedel anfing, hat mir mein Vater in den ersten Monaten ein paar Sachen aufgeschrieben. Dann hat er gesagt. Wenn du spielen willst, musst Du lernen, nach dem Gehör zu spielen.

Begrabt mich unter der alten Trauerweide, heißt es im Lied, das die berühmte Carter Family in Appalachia gehört und in den 1920er Jahren aufgenommen hat. „Bury me under the weeping willow tree”.

Ricky Ellis und seine Töchter spielen und singen hervorragend. Für großen wirtschaftlichen Erfolg hat es wie bei unzähligen Künstlern aus Appalachia trotzdem nicht gereicht.

Inzwischen ist es so schlimm, dass sie nicht einmal 500 Dollar für einen Auftritt einer sehr guten Band bekommen.

Es ist eben alles nicht mehr so wie früher. In einer anderen Zeit, die angeblich besser war. „Make America great again“. Der Wahlslogan Donald Trumps war wie massgeschneidert.

„Für die Liebe zu den alten Südstaaten liege ich jetzt in dieser Ziele für die Liebe zu Dixie werde ich in diesem Nordstaat sterben“. Zeilen aus dem Bürgerkriegslied Rebel Soldier, der die sklavenhaltenden Südstaaten verherrlicht. Zeilen, die bei Ricky Ellis Emotionen auslösen.

Es gibt diesen sehr berühmten Song „Rebel Soldier“. Dieses Lied hängt mit so vielen Dingen zusammen. Da bekommt man sofort tränende Augen, weil es ein so trauriger Song ist.

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Pickers and Fiddlers in Bassett

“Pickers and Fiddlers” hat Baptistenpfarrer Jim Hewitt das Treffen der Bluegrass-Freunde in der Pocahontas Baptist Church in Bassett, Virginia genannt. Der Name der Kirche hat nichts mit Indianern zu tun. Die Frau des örtlichen Möbelherstellers und Kirchenstifters hieß Pocahontas. Bluegrass-Fan und Gitarrenspieler Hewitt meint: Man kann doch den heiligen Geist nicht in eine Kiste sperren. Er singt auch mit Banjos, Mandolinen und Gitarren. Die Stifter hatten eher eine traditionelle Hochkirche im Sinn und drehten sich wohl im Grabe herum, wüssten sie von der Bluegrass-Session im Keller der Pocahontas Baptist Church.  Dabei ist die Gospel-Musik ein enger Verwandter der Mountain Music.

Die Menschen in den Appalachen waren ein unterdrücktes Volk. Sie sangen darüber, was ihre Seelen beschwerte. So befreiten sie sich. Sie arbeiteten die ganze Woche hart auf den Feldern und in den Fabriken. Dann kamen sie zusammen und sangen über die Dinge, die sie erlebten.  Das brachte sie zur Musik.

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Baptisenpfarrer Jim Hewitt spielt bei Pickers and Fiddlers mit

Die Bluegrass-Baptistenband besteht aus gestandenen Musikern. Sie kennen das Repertoire der Berge auswendig.

Ich bin Bobby Scott. Ich kann mich nicht daran  erinnern, wie lange ich schon Banjo spiele. Mein Vater hat mir das Instrument in die Hand gedrückt. Ich bin Linkshänder. Habe mir nie darüber Gedanken gemacht, dass die Saiten für mich falsch herum aufgezogen waren,  bis ich über 20 war.

Bobbys Witz ist durchaus auch ein wenig bitter:

Wir haben nicht viel Spass, aber wir verdienen eine Menge Geld  

Mein Name ist Tim Martin. Ich spiele die Fiedel. Das mache ich seit meinem 7. Lebensjahr. 2008 habe ich den 1. Platz beim Wettbewerb in Galax belegt. Mal sehen, ich kann hier mal eine kleine Sache probieren.

Mein Name ist Fletcher Smith, ich spiele Mandoline. Interessant ist, dass die Mandoline und die Fiedel gleiche besaitet und gestimmt werden. Nur die Intervalle sind ein bisschen unterschiedlich. Also wechseln viele Musiker die Instrumente hin und her. Wer ein bisschen daran arbeitet, kommt klar.

Jim Philpott. Ich spiele ein bisschen Mundharmonika. Das wollte sonst keiner machen, also habe ich zugegriffen.

Ich versuche mich an der Gitarre. Ich bin in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater spielte Banjo. Ich fing mit 5 Jahren an. Ich heiratete eine Frau aus einer anderen musikalischen Familie, also machte ich weiter.

Die Instrumentalisten machen sich für den Auftritt fertig. Tim Martin denkt durchaus, dass Bluegrass eine Zukunft hat.

Ich glaube schon, dass Bluegrass überleben kann, aber die neuen Gruppen, die jetzt Musik aufnehmen und im Radio gespielt werden, die klingen zu sehr nach Nashville.

Um zu zeigen, wie handgemachte Musik klingt, spielen die Männer aus Bassett, Virginia „Your old standby“, einen Klassiker von Jim Eanes. Ich frage mich, ob Du mich vermissen wirst, wenn ich sterbe. Ich bin nicht mehr als nur ein Ersatz für Dich.

Am Ende der Session in Bassett wird dann doch deutlich, dass der Ort des Geschehens eine Baptistenkirche ist. Musiker und Publikum versammeln sich, singen nicht mehr Bluegrass-Musik, sondern uralte Spirituals. Swing Low, Down by the Riverside und natürlich Amazing Grace.

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Im Westen Virginias

Noch weiter im Westen wird Virginia schmal, ein Landzipfel eingezwängt zwischen Tennessee im Süden und Kentucky im Norden. Der Carter Highway, der Carter Family Fold, ein überdimensionierter Schuppen für fast 1000 Gäste. Hier wird die Geschichte der ersten Familie der Old-Time, Mountain und – Countrymusik gefeiert, der alte Laden und das Wohnhaus von AP, Sara und Maybelle Carter. Die Familie nahm zwischen 1927 und 1956 die Musik auf, die seit Generationen in den Bergen gespielt wurde.  Später kamen Helen, Anita, Janette und June Carter Cash, die Ehefrau von Jonny Cash hinzu.

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AP Carters alter Laden

In Bristol an der Grenze zu Tennessee nahmen die Carters 1927 ihre ersten Songs auf und wurden bei der Plattenfirma Victor unter Vertrag genommen.Sara sang die Leadsstimme, Maybelle Harmonien. Ihre Gitarrentechnik wurde weltberühmt. Songs wie “You´re gonna Miss me when I´m gone“ entstanden: Das Lied nach dem Film Pitch perfect eine Renaissance. Hunderttausende Kinder übten den Rhythmus der Plastikbecher aus dem Lied, das jetzt als Cup Song bekannt wurde.

Rita Forrester kümmert sich heute um den Carter Family Fold. Sie könnte in einem Film über das Leben im späten 19. Jahrhunderts mitspielen, ohne sich umziehen zu müssen.

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Rita Forester

Die Enkelin von AP und Sara Carter singt manchmal ein paar alte Lieder, sagt die Bands an, die im Family Fold auftreten und kümmert sich ansonsten um das Erbe einer Familie, die über Generationen hunderte von Songs produziert und aufgeführt hat. Großvater AP war für ein besonderer Mann.

Er ging nur drei Jahre zur Schule. Er war also nicht gerade eine gebildete Person. Aber er hatte etwas Zeitloses. Er hat die Musik dieser Berge in sich aufgenommen. Manchmal hatte er einen Vers und machte dann die Musik dazu, manchmal ein Stück, zu dem er Worte gesellte. Er war ein Lied-Schmied, ein Song-Handwerker. Es ist so wichtig, die eigene Geschichte in Ehren zu halten, sie zu schätzen, zu pflegen und nicht zu vergessen.

Am Abend spielt die Gruppe Big Country Bluegrass. Rasend schnelle Bluegrass-Nummern, zwischendurch zum Ausruhen auch einmal einen Walzer.

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Big Country Bluegrass

Die Carter Family stammt wie fast alle Menschen in Appalachia aus ärmlichen Verhältnissen.

Diese Gegend war extrem arm. Die Leute nennen das hier „poor valley“, das Tal der armen Leute. Mein Großvater machte allerlei Dinge, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Er war Schreiner, unterhielt eine Sägemühle, hatte eine Farm. Er war Lohnbauer. Er machte alles, um Geld zu verdienen. So wie die Meisten.

Alles, was einen Wert hat, wird aus Appalachia herausgeholt, kaum etwas kommt zurück, meinen die Leute hier. Das beste der Mountain Music wird in der Countryfabrik Nashville geschmeidig gemacht. Der Wald wird gerodet, die Landwirtschaft wirft nicht viel ab, die Kohle hat die Arbeiter und ihre Familien  nicht reich gemacht, sondern nur die Minenbesitzer. Wer in Amerika über Armut schreibt oder berichtet, fährt nach Appalachia. Poverty Porn wird das genannt, Armuts-Porno.

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Poverty Porn

Dee Davis leitet das Zentrum für ländliche Entwicklung auf der anderen Seite der Grenze  in Whitesburg, Kentucky. Der korpulente Mann mit Vollbart und großer Hornbrille kennt den Begriff sehr gut.

Ich denke, Armut in diesem Land ist immer eine schwierige Angelegenheit, weil das ironisch ist. Wir haben ein reiches Land. Wenn wir über Leute diskutieren, denen es nicht gut geht, verfallen wir in die alte schwarz-weiß-Malerei. Manchmal haben diese Bilder etwas Pornografisches. In den Kohlefeldern in den zentralen Appalachen sind wir seit langem arm, gemessen an nationalen, zum Teil auch internationalen Standards.

Ändern wird sich wohl nichts. Vor über 50 Jahren erklärte Präsident Johnson den Krieg gegen die Armut und reiste an. Bill Clinton kam, Barack Obama gab Geld für Bildung und Gewerbeansiedlung. Es half bisher wenig. Dee Davis kommt zu einem drastischen Schluss.

Die Politiker sind eine Bande von Lumpen. Sie sagen alles, wenn es ihnen nur Wählerstimmen bringt. Und die Politik folgt der Kultur.

Die amerikanische Kultur macht  sich lustig über die ungebildeten, sturen, konservativen Hillbillys. Auch über ihre komischen Lieder mit den hohen Stimmen, den Fiedeln, den Banjos, den Mandolinen und Gitarren. Von dieser Kultur kommt in Europa wenig an. Zu grell schwappt Hollywood, Nashville und New York kulturell über den Atlantik. Popstars, Hip Hop, Rap und Songwriter schaffen es in die internationalen Charts, die Musik aus den Bergen bleibt bis auf ein paar Ausnahmen dort, wo sie ist.Das wird den Musikern nicht gerecht. Sie haben ein  ausgeprägtes Heimatgefühl, einen Gemeinschaftssinn, der selten ist. Als immer mehr Bergbewohner bei den Industriebetrieben im  Ohiotal im Norden Arbeit suchten, wurde in einigen Betrieben 10 Tage durchgearbeitet. Danach gab es vier freie Tage. Die Menschen aus Appalachia fuhren nach Hause in die Berge. Sie haben traurige, geheimnisvolle, sehnsüchtige, tiefe Lieder erfunden, Lebenslieder, die nichts mit Moden zu tun haben.

Rosine liegt im Westen Kentuckys, oben auf der Jerusalem Ridge, abgeschieden, isoliert. Eine Straße, ein Laden, nach einer Fahrt über einen Waldweg der Familiensitz von Bill Monroe. Ein einstöckiges Holzgebäude, indem viele Kinder Platz finden mussten. Mary Sue Rimfroh erzählt Episoden, zeigt Nähma

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Die Jerusalem Ridge in Kentucky, Geburtsort des Bluegrass

schinen, Banjos und Ölbilder des Bluegrass-Vaters, die ihre Tante gemalt hat.

Gibt es den „Blue Moon of Kentucky“, den der Mandolinenspieler Monroe in einen Song packte, den Elvis Presley besang, eigentlich wirklich?

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Der Blue Moon Shoppe in Rosine

Es gibt so eine Zeit, irgendwann im August oder im Juli, da ist der Mond blau. Also nicht richtig blau, aber die Leute nennen ihn dann „blue moon“.

Gleich gegenüber wohnt Tom Ewing. Er spielte in den letzten Jahren von Bill Monroe Gitarre in dessen Band.

Ja, er konnte ein Tyrann sein, wenn man aber das spielte, was er wollte, war Monroe ein prima Typ. Und als Monroe hoch in den Siebzigern war, verpflichtete er seine Bluegrass Boys nicht mehr wie in früheren Jahren zur Farmarbeit. Ist die hinter der Musik steckende Haltung konservativ?

Ja, ich denke schon. Die Basis der Musik stammt ja von schwer arbeitenden Leuten mit christlicher Weltsicht, also: Man sollte immer hart arbeiten und nicht spielen. Es ist eben insgesamt eine ganz andere Welt!

 

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Tom Ewing, Bill Monroes Gitarrist, vor seinem Haus in Rosine

In Owensboro an der Grenze nach Indiana leitet Chris Joslin das internationale Bluegrass-Museum. Fotos, Instrumente, Zeittafeln, Bronzetafeln für die Künstler.

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Bluegrass Hall of Fame in Owensboro, Kentucky

Chris ist natürlich selbst Musiker. Er schnappt sich ein Banjo und will vor dem Interview ein paar Takte spielen. Der Reporter bekommt ohne weitere Umstände eine Gitarre in die Hand gedrückt.

Chris erzählt, dass er nichts mit Rock´n Roll anfangen kann, wohl aber mit den halsbrecherisch schnellen Banjoläufen des Bluegrass. Ein Instrument aus Afrika, eine Musik die viel mit den Songs der Afroamerikaner gemeinsam hat.

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Chris Joslin

Chris Joslin nimmt sein Banjo und spielt “Foggy Mountain Breakdown” von Bill Monroe. Das Lied wurde durch den Film Bonnie and Clyde berühmt.

Die Berge, da ist Chris sicher, haben etwas anderes zu bieten als Nashville, etwas Wichtigeres

Wenn sie Stil und Substanz bedenken, dann hapert es vielleicht hier und da beim Stil, aber die Substanz ist immer da.

Noch wichtiger, schließt Ricky Ellis, der Mandolinen-Virtuose aus Bedford, Virginia:

Freunde kommen und gehen, Bluegrass-Freunde nicht. Die bleiben dir treu!

Tom Ewing, der als Gitarrist mit Bluegrass-Legende Bill Monroe auf Tour war, Platten aufnahm und eine Biografie über ihn schrieb, ist bezogen auf die Zukunft der Musik aus den Bergen skeptisch. Wird Bluegrass überleben?

Schwer zu sagen, Andreas. Ich hoffe schon! Wenn ich mir die musikalischen Trends ansehe, kann ich mir kaum vorstellen, dass Bluegrass überlebt. Aber es wäre natürlich toll! Die Menschen sind flatterhaft. Sie ziehen von einem musikalischen Stil zum nächsten. Wäre Bluegrass in 50 Jahren noch populär, würde mich das wundern.

Gegen Ende seines Lebens spielte Bill Monroe gelegentlich „Wayfaring stranger“, eine Mandoline, eine hohe Stimme. In dem alten Folksong aus den Bergen geht es um einen armen, fremden Wanderer, der durch eine Welt voller Leid zieht, in ein Land ohne Krankheit und Gefahr, der Wanderer geht über den Jordan, nach Hause.

I’m just a poor wayfaring stranger
Traveling through this world below
There is no sickness, no toil, nor danger
In that bright land to which I go
I’m going there to see my Father
And all my loved ones who’ve gone on
I’m just going over Jordan
I’m just going over home
I know dark clouds will gather ‚round me
I know my way is hard and steep
But beauteous fields arise before me
Where God’s redeemed, their vigils keep
I’m going there to see my Mother
She said she’d meet me when I come
So, I’m just going over Jordan
I’m just going over home
I’m just going over Jordan
I’m just going over home

 

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