Politik: Nicht neu, nur lauter – Trump und der US-Radikalismus

Ein New Yorker Architekt sagte einmal über Donald Trump, lange bevor er ein politisches Amt anstrebte: „Dieser Donald könnte den Arabern Sand verkaufen“. Dieser Donald verkauft jetzt dem amerikanischen Volk das verkürzte Echo eines Radikalismus, der das Land seit Jahrhunderten formt und verändert. Per Tweet.

Puritaner John Winthrop, der 1630 mit einer Handvoll Siedler auf der „Arabella“ in die neue Welt segelte, formulierte die Idee einer „City upon a hill“, ein neues Jerusalem in Neuengland, radikal gottgefällig, radikal vorbildlich. Die Vorstellung einer amerikanischen Sonderrolle erblickte das Licht der Welt mehr als 150 Jahre, bevor aus den englischen Kolonien ein neuer Staat wurde. Winthrop und seine Nachfahren waren so fromm, dass sich manche Siedler von Massachusetts nach Rhode Island absetzten, um ein wenig unbeobachteter, ein bisschen weniger unter den Knute der Kirche atmen zu können.

John Adams, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson wandten sich am 4. Juli 1776 in der Unabhängigkeitserklärung radikal von Europa und der britischen Krone ab.

„Alle Menschen sind gleich erschaffen“. Alle haben ein Anrecht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.Und: Das Volk hat das Recht, ein zerstörerisches Regime abzulösen. Ralph Waldo Emerson und David Thoreau, der einsam am Walden Pond in Massachusetts über seiner Anleitung zum zivilen Ungehorsam brütete, gaben der Idee der unbändigen Freiheit geistig gestalt.

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Walden Pond, Massachusetts
Jede Generation legt die Urtexte der amerikanischen Demokratie neu aus. Oder schlachtet sie aus, nutzt Versatzstücke, die gerade ins Konzept passen, um revolutionäre Kriege, Bürgerkriege, Kriege in entfernten Kontinenten, Wortkriege gegen politische Gegner zu rechtfertigen. Washington, Lincoln, Lyndon B. Johnson, George W. Bush, Donald J.Trump.

Jede Generation nutzt die Vorstellung weitreichender individueller Freiheitsrechte als gedankliches Vehikel, um die immer wachsende Zentralregierung aufs Korn zu nehmen, Steuern und Eingriffe aus Washington von der Sozialhilfe über Gesundheitsreformen bis zu schärferen Waffengesetzen und Klimaregulierungen als Erbsünden zu brandmarken. Das Problem: wer eine Wahl gewinnt, bläht den politischen Apparat weiter auf. Um Freunde und Helfer zu versorgen, um neue Politikansätze zu verwirklichen. Radikale Außenseiter werden im Moment der Machtübernahme Teil des Systems, das sie zuvor vehement bekämpft haben.

Progressive, linke Amerikaner machten das auch Barack Obama zum Vorwurf. Der erste schwarze Präsident,  mit dem Pathos von Hoffnung und Wandel von der Summe der Minderheiten ins Amt gewählt, bewegte sich nach ihrem Geschmack zu sehr in die Mitte, machte Kompromisse, reformierte gebremst von einem feindlichen Kongress zu wenig zu langsam.

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Seltener zu sehen: Obama-Graffitis
Und jetzt? Wurde ein Mann zum US-Präsidenten gewählt, der mit kleinen Anleihen aus dem radikale Erbe des Landes  in weiten Wählerkreisen heimelige, vertraute und patriotische Reflexe auslöste. Washington hat versagt, die Freiheit verkauft, die Ausnahmestellung Amerikas verraten. So wie vor 240 Jahren die britische Krone.

Obama hat die USA schwach gemacht, Putin lacht über den laschen Präsidenten, der kleine Mann zahlt die Zeche für eine Wirtschaft, die in Fernost produzieren lässt.

Dass der amerikanische Traum, das Versprechen gleicher Chancen, unabhängig von Herkunft und Glaubensbekenntnis in seiner eigentlichen Fassung keinen Platz für populistisches Gebrüll lässt, interessierte Trump nicht.

Nicht einmal vor der heiligen Stätte Amerikas schreckte er zurück. Dort hatte Republikaner Abraham Lincoln, der Über-Präsident der Nation 1863, mitten im Bürgerkrieg eine kurze, bedeutende Rede gehalten. Die Gettysburg Adress. Ein Glanzstück politischer Literatur zur Eröffnung des Soldatenfriedhofs nach der großen Schlacht.

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Über-Präsident Lincoln als Kühlschrankmagnet
Die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk möge nicht von der Erde verschwinden, forderte Lincoln am Ende seiner kurzen Ansprache. Daraus könnte nun eine Regierung der Reichen, durch und für die Konzerne werden.

Und heute sind die Ideen von Amerika nur noch ein Ersatzteillager. Die Teile verrostet, die Versprechen nicht haltbar. Es wird keine Mauer auf der Grenze nach Mexiko geben, keine rauchenden Fabrikschlote, keine neue Betriebsamkeit in den Kohlerevieren.

Die angeblich wahrhaft konservativen wollen Amerika wieder zu alter Größe verhelfen, Steuern reduzieren, den Markt allein die Geschäfte regeln lassen, Russland in die Schranken weisen, den Islamischen Staat vernichten,  Muslimen die Einreise verbieten. Linke Aktivisten, die eine Reform des Wahlrechts und mehr direkte Demokratie forderten, konnten sich nicht durchsetzen. Beide Gruppen beriefen sich auf die revolutionären Ursprünge des Landes.

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Vertreter der New Hampshire Rebellion in Manchester, NH
Eine lose Gruppe frustrierter Globalisierungsopfer, bibeltreuer Christen und Waffennarren versammelt sich unter trügerischen, pseudoradikalen Fahnen. Donald Trump war und ist keiner von ihnen.

Jeffersons Radikalität kannte keine globalisierte Welt, keinen Klimawandel, keine Gesellschaft, in der wenige Menschen in unglaublichem Tempo obszönen Reichtum aufhäufen, während viele keine Perspektive haben, kannte keine glitzernde Medienwelt, kein Internet, das wie geschaffen ist für grelle, politisch unkorrekte Halbsätze a la Trump. Der Immobilien-Milliardär mit Reality-Fernseherfahrung setze sich durch.

„Dieser Donald könnte den Arabern Sand verkaufen“. Dieser Donald verkauft jetzt dem amerikanischen Volk die Hülle eines Radikalismus, der das Land  jahrhundertelang geformt und verändert hat, der erstaunlich lange überlebt und die politische Landschaft bestimmt hat, der jetzt heftig missbraucht zum Schatten seiner selbst geworden ist. Das könnte ungut ausgehen. Für die radikale Idee von Amerika, für die Menschen, für die Welt. Denn dieser Donald sagt selten und ohne jede Überzeugungskraft „We the people“, dafür aber gern und oft „I, Donald J. Trump“

 

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