Der Tag, als der Himmel leer war – 11. September 2001

Das hat außer ihm nie jemand gemacht, seit Verkehrsflugzeuge über den USA unterwegs sind. Norman Mineta ist der Mann, der die Flugzeuge landen ließ. Alle!

911 memorial.JPG
Als ich ihn im Sommer 2015 besuche, lebt Norman Mineta am Ufer der Chesapeake Bay südlich von Annapolis. Ein Haus zum träumen. Der kleine, freundliche Mann empfängt mich in seinem Esszimmer, bietet Tee an, will mit „Norm“ angesprochen werden. Norm  wurde 1931 als Sohn japanischer Einwanderer geboren. Beim Kaffee erzählt er, wie die Familie aus San José in Kalifornien nach der Attacke auf Pearl Harbor alles stehen und liegen lassen musste und in ein Internierungslager in Wyoming gesteckt wurde. Wir ziehen um auf seine Terrasse. Norm erzählt bei Plätzchen am Ufer von seiner Karriere als erster Bürgermeister einer US-Großstadt mit japanischen Wurzeln, von seiner Zeit als Wirtschaftsminister unter Bill Clinton oder als Verkehrsminister unter George W. Bush. Die Erinnerung an die Internierung als Junge, die ersten Nachrichten aus Hiroshima, die Bilder des riesigen Atompilzes aus dem August 1945 machen ihn unruhig.

Aber es sind Bilder, die ihn darauf vorbereiteten, etwas außergewöhnliches zu tun.

11.September 2001. Um 8.46:26″ Ortszeit rammt AA Flug 11 den Nordturm des WTC. Um 8.48:08″, 100 Sekunden später geht das Ereignis beim New Yorker Sender WNYW live auf Sendung. Als um 9.02:59″ UA Flug 175 in den Südturm fliegt, senden alle nationalen Networks live, wenig später die gesamte Fernsehwelt.

Norman Mineta ist als Demokrat und ex-Minister der Clinton-Regierung ein Exot in Bush-Administration. Als Verkehrsminister ist er auch für den Flugverkehr zuständig.

Am 11.09. frühstückte ich mit der stellvertretenden Premierministerin von Belgien. Mein Stabschef kam herein und fragte: „Herr Minister, kann ich sie sprechen“ In meinem Büro lief der Fernseher, im Bild die Zwillingstürme des World Trade Centers. Schwarzer Rauch stieg auf. Ich fragte „Was ist das?“

Es sind jene Bilder, die ABC, CBS, CNN und FOX live um die Welt senden.

 

9_11 1.jpg

Mineta wird in seinem Büro abgeholt. Die Secret-Service-Leute sagen: „Kommen sie bitte mit“.

Als wir über den West Executive Drive hineinfuhren, rannten die Leute aus dem Weißen Haus, aus dem alten Regierungsgebäude. Ich sagte zu meinem Fahrer und meinem Sicherheitsbeamten: „Irgendetwas stimmt nicht in diesem Bild. Wir fahren hinein, aber alle anderen laufen davon“.

Es ist eine Szene wie in der Netflix-Serie „Designated Survivor“. Ein furchtbarer Anschlag, völlige Unsicherheit, Flucht in Bereiche des Machtapparates, der sogar vor jenen verborgen bleibt, die Teil davon sind.

Norman Mineta schaut auf die spiegelglatte Wasserfläche der Chesapeake Bay. Gedankenverloren krault er seinen kleinen Hund. Ich sehe, dass sich in seinem Kopf zum tausendsten Mal ein Film abspielt:

In New York stürzen die Türme des World Trade Center ein. Manhattan liegt unter einer gigantischen Staubwolke. Die Sicherheitsleute des Weißen Hauses werden konkreter und stiften bei Mineta erst einmal Verwirrung:

Sie müssen sich im PEOC (pieock) einfinden. Und ich sagte: PEOC, was ist PEOC? P-E-O-C (Buchstaben). Die Schaltzentrale des Präsidenten für Notfälle.  Das ist der Bunker tief unter dem Weißen Haus.

Bei der US-Regierung herrscht Bestürzung, Hektik, Verwirrung. Der Präsident ist nicht da. Auch das US-Verteidigungsministerium wird Ziel der Terroristen. Mineta trifft die Entscheidung.

Als das 3. Flugzeug ins Pentagon flog, sprach ich mit dem stellvertretenden Chef der Flugsicherheit. Ich sagte: „Das ist schon das dritte Linien-Flugzeug, das heute als Rakete benutzt wurde“. Im Militär gibt es etwas, dass man „standdown“ nennt. Alles wird abrupt gestoppt und man versucht, dem aktuellen Problem zu entkommen und herauszufinden, was sich zuträgt. Und ich sagte: „Wir brauchen einen `standdown´, wir müssen alle Flugzeuge auf die Erde bringen.

 

911 memorial2.JPG

 

Mineta ist sicher, das Richtige zu tun.

Zu dieser Zeit befanden sich 4638 Flugzeuge im amerikanischen Luftraum. Innerhalb von 2 Stunden und 20 Minuten waren alle Flugzeuge sicher und ohne Zwischenfälle gelandet.

Noch an diesem Dienstag rufen die Vorstände der Fluglinien an und drängeln. „Wann können wir wieder starten“. Mineta beschwichtigt. Wenn es die Sicherheitslage wieder zulässt. Einen Zeitpunkt kann in diesem Moment niemand benennen. Erst drei Tage später, am Freitag, dem 14. September 2001, starten wieder die ersten Passagierflugzeuge.
IMG_6907.JPG

Norman Mineta, der alte Mann mit den wachen Augen blinzelt auf seiner Terrasse am Wasser. Es waren aufregende Zeiten.

Seine politische Karriere ist längst vorüber. Er hat als Berater gearbeitet, hat Bücher geschrieben, ist in Vergessenheit geraten.

Niemand weiß, ob der Mann, der die Flugeuge zum Landen brachte, Leben gerettet hat oder nicht.
IMG_6999.JPG

Kategorien: USA

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s