BB

Lucille ist Witwe. Eine ganze Weile schon. Riley B. King, oder einfach BB King starb im Mai 2015. Für mich gibt es kein Erinnerungsbild, aber viel Erinnerungssound. Es ist nicht der alte, dicke Mann, der fast bis zum Schluss auf dem Barhocker sitzend sein best-of-Reportoire spielte. Nicht der jüngere Blues-Star im Anzug auf der Bühne. Stattdessen dieser Sound. Diese starke, glaubwürdige Stimme im Dialog mit dieser anderen Stimme, die aus der Gitarre kommt. BB mit 85 auf der Bühne, umringt von Rock-Superstars, vollendet entspannt, lässig. Alle liefern ihre Solos ab. Dann kommen BB und Lucille. Just one note, sagen die anderen Musiker dann. Er muss nur eine Note spielen. Darin steckt die Welt.

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Was habe ich mir die Finger wund gespielt. Als 13-14-jähriger. Ich hatte den Traum, meine Gitarre könnte singen wie BBs Lucille, die berühmte Gibson ES.

Klar: King spielte nicht so schnell wie Hendrix, Zappa oder Santana, aber sein Ton drang zu mir durch. Dieses Vibrato, die zuckende linke Hand am Hals der Gitarre, das schmerzverzehrte Gesicht.

The thrill is gone, the thrill is gone away

Als ich später lernte, wie BB King das Zwiegespräch der Gesänge auf den glühend heißen Bauwollfeldern Mississippis, den Dialog zwischen Vorsänger und Chor bei er unglaublich harten Arbeit, die Hoffnung auf Erlösung in der Gospelkirche auf seine Gespräche mit Lucille übertrug, übte ich immer seltener  und hörte lieber BBs „The Thrill is gone“, am liebsten in der Version, die er 1970 den Gefangenen des Cook County Jail in Chicago vorspielte.

I’m free now baby
I’m free from your spell
Free, free, free now
Baby I’m free from your spell
And now that it’s over
All I can do is wish you well

Der Teufel, eine Dame, die BB unrecht angetan hat. Der Fluch ist überwunden, er ist frei. Frei! Was haben die Gefangenen in Chicago empfunden?

Call and response. Vorsänger und Chor, Pfarrer und Gemeinde, BB und Lucille. Von Westafrika und Großbritannien auf die Bauwollfelder, in die Kirchen, die Clubs, nach Chicago und in die Welt, in der es die Popmusik wie wir sie kennen kaum ohne BB und seine Musikergeneration gäbe.

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Riley B.King kam wie fast alle großen Blueser, wie Robert Johnson, Muddy Waters oder John Lee Hooker aus dem Mississippi Delta:

Er stammte von Sklaven ab und erledigte fast 100 Jahre nach Ende der Sklaverei …Sklavenarbeit.

Mit sieben pflückte ich Baumwolle. Ich machte es wie die Erwachsenen

Kill a nigger, hire a new. Töte einen Schwarzen, stelle einen Neuen an. So war das in meiner Kindheit in Mississippi, beschreibt der Musiker im Dokumentarfilm „BB King-the life of Riley“ die bedrückende Realität.

Das Mississippi Delta ist eine flache, schwüle Ebene südlich von Memphis. Rassismus und Rassentrennung sind nicht verschwunden. Mir bleibt es ein Rätsel, wie diese öde Gegend die Heimat des Blues werden konnte, aus der die Mehrzahl der Musiker stammte, die ein Kernstück amerikanischer Kultur hervorbrachten. Hitze über den Feldern, der Deich, der das Mississippi-Hochwasser im Zaum halten soll, der Highway 61, Städtchen wie Clarksdale, die sich scheinbar seit den 1960er Jahren nicht weiterentwickelt haben. Meisterwerke des Blues sind hier entstanden: „Crossroads“ von Robert Johnson oder BB Kings „How blue can you get“

I gave you a brand new Ford
and you just said I want a Cadillac
I bought you a ten dollar dinner
You said Thanks for the snack
I let you live in my penthouse
You said it was just a shack
I gave you seven children
and now you wanna give ‚em back

BB King wurde 1925 in Berclair in der Nähe von Greenwood geboren, flüchtete nach Memphis, machte Straßenmusik auf der Beale Street. Jonny Payne, seit 1951 Blues-DJ der berühmten „King Biscuit Time“ in Helena Arkansas erzählte mir vor vielen Jahren die Geschichte von BB Kings Namen.

Es gab kaum Radiostationen, die schwarze Musik spielten. Sonny Boy Williamson kam zu mir ins Studio und spielte immer live, so wie Muddy Waters oder BB. machte sich einen Namen in Memphis, bekam eine Show und Auftritte im Radio. Dort wurde er zum Beale Street Blues Boy, dann zum Blues Boy und schließlich einfach zu BB

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Wenn er auf der Straße Gospel sang, sagten die Leute: Du bist gut. Und liefen weiter, ohne eine Münze in seinen Hut zu legen. Spielte er den Blues, lobten sie ihn, klopften ihm auf den Kopf und warfen etwas in den Hut.

Lucille erhielt ihren Namen in einer kalten Nacht im Jahr 1949, erzählte King in einem Interview mit dem Sender NPR. BB trat in einem Club in Arkansas auf. Zwei Männer stritten sich wegen einer Frau. Einer der Männer stieß an ein Faß, das den Raum mit einem offenen Feuer heizte. Brennendes Kerosin lief auf den Boden. Die Konzertbesucher rannten um ihr Leben. Auch King. Seine 30-Dollar-Gitarre blieb auf der Bühne.

Ich lief zurück in den Saal. Das war ein Gebäude aus Holz. Das Feuer verbreitete sich so schnell, dass es zusammenfiel. Ich kam fast ums Leben, als ich meine Gitarre holte.

Am nächsten Tag erfuhr der Musiker den Namen der  Frau, wegen der die beiden Männer gestritten hatten: Lucille.

Heute hat die Firma Gibson ihre Manufaktur für das halbakustische Modell Gibson ES-335, Kostenpunkt in Deutschland fast 4000 Euro, gleich an der Beale Street in Memphis, Tennessee.

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BBs Reise ging weiter nach Chicago,  immer wieder rund um die Welt, nach Las Vegas. Oft war er mit großer Band samt Streichern unterwegs. Das hat mir nicht so gut gefallen. Weil ich immer empfand, dass außer BBs und Lucilles Stimme eigentlich nichts nötig war, um die Magie, diese universelle Kraft des Blues, die unglaublich simple, wahnsinnig komplizierte Musik zu entfalten. Es sind nur drei Akkorde. Ein Blues wird daraus, wenn Sex, jahrhundertelange Unterdrückung, Unrecht, Erlösung und Freiheit hinzukommen.

King bekam von George W. Bush die Freiheitsmedaille, beeinflusste fast alle Rock Gitarristen und gab 2012 ein Konzert bei den Obamas im Weißen Haus.Dort  sang er:

Du lebst nur einmal, und wenn Du tot bist, ist Schluss.

7 Jahrzehnte auf den Bühnen der Welt waren 2015 zu Ende. BB King starb mit 89 Jahren in Las Vegas.

Vor ein paar Jahren sang mir Ruby Wilson, die Queen der Beale Street in Memphis, eine A capella Version von BB Kings „Everyday I have the blues“.

When you see me worried, it´s you I hate to lose.

Jetzt denke ich: Diese scheinbar so simple Musik, mal lustig, mal feierlich, oft traurig, wird weiterleben. Der Blues ist ein universeller Bekannter.

Ich habe meine Gitarre einmal wieder an den Verstärker angeschlossen und versucht einen BB-artigen Ton hervorzubringen. Es hat nicht geklappt. Aber ich hatte das Gefühl, ziemlich nah herangekommen zu sein. Für BB. Und Lucille, die ihren Partner verloren hat. Lucille ist jetzt Witwe. Singen wird sie nicht mehr.

 

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