Zappa

Der Mann war der beste Spiegelvorhalter, den ich je getroffen haben. Korrupte Politiker, versauter Musikmarkt, lemmingartiger Jubel über alle, die von Werbung und Medien zum Superstar gekürt werden. Macht Euch nicht zum Narren, sagte Zappa ein Musikerleben lang. Und doch lief immer wieder Bobby Brown. Oder Don´t eat that yellow snow. Aber da war ja viel mehr. Inca Roads oder der Be Bop Tango oder Waka Jawaka. Im Konzert in Deutschland erzählte er vom deutschen Spargelkult. In den USA gibt es nur grünen Spargel, den eigentlich auch niemand mag. Also machte er sich auf der Bühne in einem improvisierten Monolog über das deutsche Gemüse lustig. Ich traf Frank Zappa Anfang der 90er Jahre in Frankfurt, als er für den Yellow Shark probte. Es war die Begegnung mit einem ganz und gar nicht ordinären Mann, einem Gentleman, einem schon vom Krebs gezeichneten unabhängigen, hellwachen Geist. Einer, der sich Zeit für ein Gespräch mit einem jungen Reporter gibt. Frank Zappa, ganz in schwarz gekleidet, sitzt im Sessel, zündet sich eine Winston an, lächelt, ist geduldig. Das steckt an. Das Lampenfieber verschwindet. Der Mann ist sympathisch.

Vorher, bei der offiziellen Pressekonferenz, enttäuscht er die Bobby-Brown-Fraktion, die auf versaute Witze wartet, auf Gitarrenakrobatik oder politisch unkorrekte Kommentare über Deutschland und die Welt. Seht her, sagt er, ich bin Musiker, kein Bühnenclown.

Ich habe schon jahrelang Kammermusik geschrieben, bevor ich auch nur einen einzigen Rock´n Roll Song gemacht habe. Und während ich Rock´n Roll machte, habe ich immer noch diese Art von Musik geschrieben. Diese Kontinuität begann also, bevor ich Rock´n Roll machte.

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Conceptual Continuity! Weniger als Rockmusiker, mehr als Komponist. Klar: Für mich als Gitarrist war Zappa einer der Guitar heroes, zusammen mit Hendrix, Santana, später May, Metheney, Mc Laughlin oder de Lucia. Zappa, vor allem mit der Gibson SG, manchmal auch mit einer Stratocaster, holte Töne aus dem Instrument, die ich noch nie gehört hatte.  Ich sage nur Black Napkins oder das wunderbare Inca Roads-solo. Zum niederknien.

FZ verblüffte mich. Der Gitarrengott hatte kein Interesse mehr an der Gitarre.

Am Ende der Tour im Jahr 1988 packte ich meine Gitarre in den Koffer und rührte sie bis vor ein paar Tagen nicht mehr an, als ich auf der Bühne in Prag ein Gitarrensolo spielte, um den sowjetischen Truppen auf Wiedersehen zu sagen, die die Tschechoslowakei verließen. Vielleicht  mache ich etwas ähnliches bei einem Konzert demnächst in Budapest. Aber es ist schwierig, wenn man nicht mit der eigenen Band spielt. Da kann man nur simpel improvisieren, weil die Gruppe meine Songs nicht kennt. Das ist also nur eine Geste. Sie können keinen großen musikalischen Moment erwarten. Es ist einfach nur freundlich.

Eigentlich spielte er aber nur seinem Freund und Verehrer Vaclav Havel zuliebe? Im Gespräch legte er nach:

Für mich ist der einzige Grund, Gitarre zu spielen, dass andere Leute es hören können. Ich muß ja nicht Gitarre spielen, um die Noten zu hören. Ich habe die Musik ja hier oben im Kopf. Wenn man also kein Konzert spielt, warum sollte man dann die Gitarre aus dem Koffer holen. Du lässt sie einfach im Koffer.

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Francis Vincent Zappa wurde 1940 in Baltimore geboren. Der Nachfahre sizilianisch-süditalienischer Einwanderer zog als Kind oft um. Der Vater arbeitete für das Pentagon. Frank heiratete, wurde geschieden, spielte in Bands, nahm 1965 zusammen mit einer Freundin ein Tonband mit sex-Stöhnen auf. Eine Auftragsarbeit, die Zappa wegen „Verschwörung zur Pornografie“ sechs Monate Gefängnis einbrachte. Zehn Tage davon saß er ein, viel beschrieben von hauptamtlichen Zappologen und FZ selbst.  In San Ber´dino singt er über die Zelle C:

Well there’s forty-four men
Stashed away in tank „C“
An‘ there’s only one shower
But it don’t apply to Bobby

Das Trauma machte ihn skeptisch fürs Leben. Wenig ist wie es scheint, es geht fast immer um Geld und Macht.  Ein Sammelsurium irrer Typen bevölkert das musikalische Universum des Mannes, der in einer Popwelt der Falsettstimmen Geschichten mit markantem Bariton erzählte. Vom Mud Shark, dem Illinois Enema Bandit oder kalifornischen Klempnern, die erst auftauchen, wenn das Bad unter Wasser steht. Oder von Richard Nixon, dem Sohn des Orange County, der behauptet: I am not a crook. Antwort: Es will mir nicht in Kopf, dass Du so bescheuert bist!

Der politisch-gesellschaftliche Kommentar verschmolz bei Zappa mit seinem ersten Ziel. Der Musik.

Du hast eine Vorstellung davon, wie es klingen soll. Bei dem Vorgang, es aufzuschreiben, koordinierst Du auf dem Computer oder auf Papier einige Symbole, die dann von jemand Anderem als Resultat dessen, was Du Dir ausgedacht hast übersetzt werden. Das ist der Prozess. Du malst Dir eine Musik, einen Sound aus und weißt, wie man das zu Papier bringt. Dann gibst Du diese Symbole an Andere weiter. Sie arbeiten zusammen und produzieren den Suund, den Du Dir ausgedacht hast.

Musik und Musikgeschäft haben nichts miteinander zu tun, sagte Zappa nach Jahrzehnten auf Tour, nach mehr als 100 veröffentlichten Tonträgern. Klar bin ich Millionär, zwinkerte er, aber ich habe mein ganzes Geld in mein Studio, meine Bands, meine Musik gesteckt. Glücklicherweise habe ich mein Haus vor Jahrzehnten gekauft. In Los Angeles könnte ich mir heute nichts mehr leisten. Die Pop-Glitzerwelt ist durchtrieben und verlogen.

Die Struktur des US-Musikbusiness ist so korrupt, dass Du ohne Bestechung keinen Hit landen kannst. Dieses Problem hätten Künstler aus aller Welt in den USA. Du wirst nie einen Hit bekommen, wenn Du nicht zahlst. Wenn ich Präsident werde, bringe ich das in Ordnung.

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Zappa for president? Tatsächlich dachte der Musiker 1991 darüber nach, im  Jahr darauf  gegen Bill Clinton anzutreten.

Das ist kein Witz. Ich habe noch nicht angekündigt, als Kandidat ins Rennen zu gehen. Aber ich überprüfe gerade, ob das praktisch möglich ist. Die Idee dahinter ist, als anti-Parteien-Kandidat anzutreten, als jemand, der keiner der beiden Parteien angehört. Die Botschaft: Beide Parteien sind schlecht. Ich bin davon überzeugt, dass es viele Wähler in den USA gibt, die das genauso wie ich empfinden.  Republikaner und Demokraten haben beide keine gute Politik auf den Weg gebracht. Es gibt im Zusammenhang mit einer Wahlkampagne einige technische Fragen, die erst einmal beantwortet werden müssen. Wenn meine Nachforschungen positiv ausgehen, werde ich meine Kandidatur bekanntgeben, wenn nicht, werde ich sagen: Vergiss es! Aber ich habe mich noch nicht entschieden.

Im Wahljahr erhielt Frank Zappa seine Diagnose: Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium. Was wäre sein Programm als Präsidentschaftskandidat gewesen?

Erstens würde ich versuchen, die US-Regierung wieder stärker mit dem Text der Verfassung in Einklang zu bringen. Davon haben sich beide Parteien entfernt. Zum Zweiten würde ich gern die Einkommenssteuer abschaffen.

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Das klingt ziemlich nach 21. Jahrhundert. Immer mehr Menschen, die sich in den USA oder in Europa immer weniger für die etablierten Parteien interessieren, die immer größere Skepsis gegenüber der Politikmaschine in Berlin, Brüssel oder Washington empfinden.

Wenn sich künstlerische Qualität auch in Weitsicht bemisst, muss Zappa posthum als Hellseher gewürdigt werden.

Was hätte er wohl über Donald Trump gesagt? Mir fallen wieder die ersten Zeilen des Nixon-Songs Son of the Orange County ein, a place where they used to raise turkeys, wie er auf dem Album Roxy and Elsewhere einleitet.

And in your dreams

You can see yourself

as a prophet

saving the world

the words from your lips

(I am not a crook)

I just can´t believe you are such a fool

FZ, ein Rock´n Roller. Ein Komponist. Ein sehr unabhängiger Mann. Ein Dissident, ein Kritiker, ein Nörgler, der über Jahrzehnte den Finger in gesellschaftliche Wunden legte. Für ihn war sein Land aus dem Geist der Revolution geboren. Den Kern dieser Revolution, die Gleichheit aller, das Recht auf Leben, Freiheit und Erfüllung, hatte Amerika aus Zappas Sicht längst verraten.  Dagegen ließ er Gitarren jaulen, schrieb obszöne Texte, ließ sich vom weiblichen Publikum Slips auf die Bühne bringen, entlarvte die Machenschaften von Konzernen, Staatsapparat und Unterhaltungsindustrie. Lasst euch nicht zum Narren halten. macht euch die Mühe, selbst nachzudenken. Die Botschaft hallt nach.

Zappa war aber nicht nur ein distanzierter Kommentator der Popkultur, der er auch selbst angehörte, nicht nur Komponist halsbrecherischer polyrhythmischer Werke, nicht nur eine Schweinegitarrenspieler, sondern auch einer jener besonders wachen, sehenden, spürenden Menschen, denen man nicht jeden Tag begegnet.

Ich traf damals, 1991, zwei Jahre vor seinem Tod, einen sympathischen, höflichen, ruhigen Mann mit einer wunderbaren Stimme und einem herzlichen Lächeln, das ich nicht vergessen habe, einen  ganz in schwarz gekleideten Mann im Sessel, der sich eine Winston anzündet, der geduldig bis zur letzten Frage wartet.

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